Montag, 14. April 2008

Freischwimmen

»... Ich bin, das muss ich auch mal zugeben, kein großer Kaffeetrinker vor dem Herrn. Sagt man doch so: vor dem Herrn. Gut ... vor der Dame auch. Aber wenn ich mal einen Kaffee trinken muss, da hänge ich mehr an Nescafé als an richtigem Kaffe, was wahrscheinlich mit frühen Kindheitserinnerungen zusammenhängt und mit der Nescafé-Werbung . Nestlé ist ja bekanntlich der Erfinder des berühmten 'Filter Frio Verfahrens' mit dem man aus ganz normalem flüssigen Kaffee gefriergetrocknete Pulverkörner macht. Ich persönlich bevorzuge ja 'Nescafé Gold'; das ist der Kaffee, den die Welt trinkt, wie es damals so schön in der Werbung hieß. Und da bin ich ja zuhause, in der Welt.

Ich darf das an dieser Stelle einmal sagen: Nein, ich bekomme kein Geld von Nestlé für Kaffeewerbung; ich sag das auch nur, weil mich neulich ein Mann nach einem Gastspiel gefragt hat: "Jetzt mal ehrlich, Sauerchen. Kriegen Se überhaupt Geld für Ihre Kaffewerbung?" "Nein." "Also, mit Verlaub jesacht, da sinnse aber schön blöd." Und aus war das Gespräch. -
Ja, ich bitte sie, muss man denn im Leben aus allem Geld schlagen? Ich bin nun mal kein großer Kaffeetrinker und wenn ich ihnen hier was aus meinem Leben erzähle, dann ist das doch keine Werbung. Das hat mich halt als Kind beeindruckt, wie das ganze Eis aus dem tiefgefrorenen Kaffeee verschwand und 'schwupp' war der Insantkaffee da.

Genauso ging es mir bei den Geruchsbakterien, die man vor Jahrzehnten sichtbar machen konnte und zwar im 'Banner-Forschungsstudio'. So etwas gibt es heute nicht mehr, da waren die damals wirklich fortschrittlich. Heute wird einem doch alles verschwiegen. Stellen sie sich bitte einmal vor: Es gab einmal ein Riesenbettlaken, das in einem Schwimmingpool, jawoll in einem Swimmingpool, mit 50 Packungen 'Weißer Riese' porentief rein gewaschen wurde. Zum Trocknen musste man es sogar mit einem Hubschrauber hochheben. Das waren noch Zeiten. Mit dem Wasser aus dem Schwimmingpool konnte man dann auch gleich noch die Flüsse von Chemikalien säubern. Ja, damals gab es kein unnützes Abwasser.

Früher war der 'Weiße Riese' für und Kinder noch riesig, Shakespeares Ariel rausche wie der Wibelwind durch Küchen und Bäder und machte sie blitzblank, wir badeten unsere Augen in Tillys 'Palmolive'-Werbung und wenn die AVON-Beraterin nach Hause kam, da gab es Nescafé und Stückchen. Ich durfte immer mit dem Fingernagel die Folie oben auf dem Nescafé-Glas einritzen und meine kleine Schwester stand ehrfuchtsvoll daneben.

Maggi war für mich der magische Inhalt einer braunen Flasche, nicht etwa eine eiserne Lady. Und 'Banner' war ein Deo und noch lange keine Werbefläche auf einer Internetseite. So war das damals, vor vielen vielen Jahren in einem weit entfernten Leben - und doch war ich damals mittendrin. Das ist auch etwas, an dem man sich erfreuen kann, wenn man schon älter wird. Manchmal ist es nützlicher, in den Spiegel der Erinnerungen zu schauen als in den Spiegel an der Wand.

Erinnern sie sich doch auch einmal an ihre Kindkeit ... sehen sie: schon baden sie ihre Gedanken drin. ...«


(aus: 'Heimatkunde'/2008)

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